Außergewöhnliche Jugendstilvase, Heinrich Lang, KPM Berlin 1901

  • KPM Berlin
  • Porzellan
  • Jugendstil
  • Heinrich Lang
  • Weltausstellung St. Louis 1904

Beschreibung

Modell Vase mit plastischer Verzierung in Biskuitporzellan am Fuß
Modellentwurf Heinrich Lang, modelliert von Alfred Kamp
Modellbucheintrag September 1901
Modellnummer 6702
Dekor Vasenkörper in kobaltblauer Unterglasurmalerei mit goldenen Adern, am oberen Rand mit roter Emailmalerei, die unteren Biskuitteile vergoldet, teils polychrom auf der Glasur bemalt
Dekorentwurf Heinrich oder Lorenz Lang um 1901
Höhe 32,7 cm
Marken Zepter in Unterglasurblau; MS (?)in Aufglasurgold; Pressmarken Jahresbuchstabe A für 1901, H und 1; Ritzmarke Modellnummer 6702

Dieses ungewöhnliche Modell ist der erste Vasenentwurf des langjährigen KPM-Mitarbeiters Heinrich Lang. Es zeigt den erstaunlichen Einfallsreichtum und die Vielseitigkeit des Keramikentwerfers mit der Verwendung von Biskuit- und glasiertem Porzellan, seiner Gestaltung der Raupen, Käfer und Insekten am Fuß und den vierpassig geschwungenen Jugendstilornamenten am Fuß. Seine Vollendung erlangt das Objekt durch die raffinierte Kombination von Unterglasur-, Email und Goldmalereien auf und unter glasierten und Biskuit belassenen Oberflächen (bei Gold- und Unterglasurmalereien verwendete die KPM bis 1911 keine rote Malereimarke!). Laut Modellbuch erfuhr Lang bei der keramischen Umsetzung seines Entwurfs Hilfe durch den fest bei der KPM angestellten Bildhauer und Modelleur Alfred Kamp.

Das anläßlich der 750-Jahr-Feier Berlins herausgegebene Überblickswerk Berliner Kunsthandwerk und Kunstgewerbe vom 17. bis zum 20. Jahrhundert mit Werken aus dem Bestand des Märkischen Museums Berlin präsentiert die außergewöhnliche Vase als einziges Beispiel des Berliner Jugendstils mit einer Laufglasur in Blau/Grün und wie hier farbig dekorierten Tieren (Abb. S. 45); Eine dritte bekannte Dekorvariante zeigt das Modell mit einer geflammten Überlaufglasur in Braun/Grün/Ocker und weißen Biskuitteilen.(1)

Heinrich Lang wurde am 19. September 1868 in der oberfränkischen Porzellanstadt Selb geboren. Mit 14 Jahren begann er dort 1883 seine keramische Ausbildung in der Porzellanmanufaktur Lorenz Hutschenreuther. Am 2. September 1887 trat er dem Korps der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin als Maler und Keramiker bei; im selben Jahr begann Lang auch seine bis 1889 dauernde Studienzeit an der Unterrichtanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums. Nach ausführlichen Lehrjahren entwarf er zwischen 1901 und 1912 eigene Porzellanmodelle (Schalen, Vasen Serviceteile), oft mit geschwungenen Henkeln oder Rändern; ab 1914 bis 1933 war Heinrich Lang Malereivorsteher der Manufaktur. Er starb 1958 in Berlin.
Sein zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder Lorenz Lang (1871–1963) war zwischen 1889 und 1930 ebenfalls für die KPM tätig. Für seine Unterglasur- und Emailmalereien gewann er auf den Weltausstellungen in Paris 1900 eine Goldmedaille und in St. Louis 1904 den Grand Prix. Möglicherweise entwarf er seinem Bruder den hier gezeigten Dekor. Das bemalte Modell wurde jedenfalls sehr ähnlich dekoriert in St. Louis gezeigt.(2)

(1) Abb. in: Irene von Treskow, Die Jugendstil-Porzellane der KPM Berlin, München 1971, Nr. 7, S. 136/137.
(2) Abb. in: Kunstgewerbeblatt 16 (1905), 94 (KPM Porzellane auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis).