Kratervase der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin mit Ansicht aus Schlesien „Schloß Fürstenstein bey Freyburg in Schlesien“

  • Porzellan
  • KPM Berlin
  • Veduten
  • Vase
  • 19. Jahrhundert

Beschreibung

Die KPM-Vase befindet sich im unrestaurierten Originalzustand ohne Beschädigungen und weist lediglich altersbedingt kleinere Fehlstellen im Gold und der Malerei auf.

  • Modell Reden’sche Vase Nr. 2,
  • benannt nach dem langjährigen Vorsitzenden der Berliner-Porzellan
  • Kommission
  • Modellentwurf KPM Berlin 1799
  • Modellnummer 1005
  • Taxnummer 5,5576/77
  • Ausführung KPM Berlin um 1820
  • Höhe 42,6 cm
  • Marke Zepter in unterglasurblau
  • Provenienz laut Vorbesitzer Sammlung der
  • Grafen Hochberg, Schloß Fürstenstein, Waldenburg in Schlesien.

Die Ansicht:
Die Schauseite der Vase zeigt eine Ansicht von Schloß Fürstenstein (heute: Książ) links, der Schloßbrücke und seinen Nebengebäuden (Castel und Torhaus/Bibliothek mit zwei Türmen) rechts in Niederschlesien von Süden aus.

Schloß Fürstenstein:
Das noch heute erhaltene Schloß Fürstenstein ist das größte Schloß Schlesiens und liegt am nördlichen Rand der Stadt Waldenburg (Wałbrzych) im Stadtteil Fürstenstein (Książ) in der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen. Es wurde als Burg Fürstenstein Ende des 13. Jahrhunderts auf Befehl von Herzog Bolko I. von Schweidnitz errichtet. Nach wechselnden Eigentümern wurden die Gebäude nebst Land 1509 von Konrad I. von Hoberg als Pfandbesitz erworben. Der neue Besitzer entstammte einem in Schlesien ansässigen Adelsgeschlecht (ab 1740 Hochberg). Die Familien der Grafen/Reichsgrafen von Hochberg, ab etwa 1850 durch Erbe auch Fürsten von Pleß, nutzten die Anlage als Familiensitz. 1943 wurde Fürstenstein vom NS-Staat beschlagnahmt und u.a. als Auslagerungsstätte der Staatsbibliothek zu Berlin benutzt. Ein geplanter Umbau zum Führerhauptquartier durch Zwangsarbeiter wurde nicht abgeschlossen.
Heute ist der gesamte Schlosskomplex einschließlich der Terrassen, der Wirtschaftsgebäude und des Gestütes öffentlich zugängig, wobei die nicht oder nur teilweise rekonstruierten Räume verschiedenste Nutzungen (Galerien, Wechselausstellungen, Restaurants, Souvenirstände) erhalten haben.

Die Vorlage:
Die auf der Vase gezeigte Darstellung von Schloß und Anlage geht auf das Ölgemälde „Schloß Fürstenstein bey Freyburg in Schlesien“ des berühmten Landschafts- und Vedutenmalers Sebastian Carl Christoph Reinhardt zurück, das kurz nach der Fertigstellung durch den Künstler auf der Berliner Akademie-Ausstellung 1794 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde.
Durch einen kolorierten Kupferstich des Daniel Berger (1744-1824) erfuhr die Vedute eine weite Verbreitung. Eine Version des Stichs befindet sich in der Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz.
Eine ähnliche Darstellung, von einem etwas tieferen Standpunkt aus gesehen, existiert auch auf einem Kupferstich des Friedrich Gottlieb Endler (1763-1822) im Besitz der Stiftung Kulturwerk Schlesien.
Das originale Ölgemälde von Reinhardt gilt heute als verschollen. Es befand sich vor 1945 entweder in den Kunstsammlungen des preußischen Königshauses oder im Familienbesitz der Grafen von Hochberg, Fürsten von Pleß.

Daniel Berger (1744-1824). »Schloß Fürstenstein bey Freyburg in Schlesien«. Kolorierter Kupferstich, 27 cm x 40 cm, nach einem Ölgemälde von Sebastian Carl Christoph Reinhardt
© Staatsbibliothek zu Berlin — Preußischer Kulturbesitz.

„Schloß Fürstenstein“ Kolorierter Kupferstich von Friedrich Gottlieb Endler (1763-1822)
© Stiftung Kulturwerk Schlesien

Der Künstler:
Sebastian Carl Christoph Reinhardt wurde 1738 in Ortenburg in Niederbayern geboren und besuchte als Schüler das Gymnasium in Regensburg. Seine künstlerische Ausbildung erhielt er im Herzogtum Braunschweig, am Collegium Carolinum und der Gemäldegalerie Schloß Salzdahlum. Weitere Studien führten ihn nach Hamburg und Amsterdam. Die auf ausgedehnten Reisen durch Sachsen und Brandenburg entstandenen, teils von Adrian Zingg in Kupfer gestochenen Landschaften erweckten das Interesse des preußischen Ministers und Kurators der Berliner Akademie der Künste, Friedrich Anton Freiherr von Heinitz, der überdies auch als Mitglied der Manufakturkommission der Königlichen Porzellan-Manufaktur fungierte. Von Heinitz protegiert zeigte Reinhardt 1788 erstmals erfolgreich Veduten von Potsdam und Umgebung auf der Akademie-Ausstellung in Berlin; noch im selben Jahr wurde er zum außerordentlichen Mitglied dieser Institution ernannt. Seinem fulminanten Debüt folgte alsbald der offizielle Auftrag der Akademie, nach Schlesien zu reisen und die dortige Landschaft in ähnlicher Art und Weise künstlerisch festzuhalten. So verlagerte Reinhardt seinen Lebensmittelpunkt nach Hirschberg, malte in den folgenden Jahrzehnten vorwiegend schlesische Landschaften und Ansichten und beschickte als „ersten Maler des Riesengebirges“ regelmäßig die Berliner Akademie-Ausstellungen. Bis 1824 wurden dort 67 seiner Gemälde präsentiert, von denen viele in den Besitz des preußischen Königshauses gelangten und in den Hohenzollern-Schlössern in Berlin und Königsberg aufgehängt wurden. Mindestens 14 dieser Gemälde wurden von Daniel Berger auch in Kupfer gestochen. Gleichzeitig schuf Reinhardt aber auch Auftragsarbeiten für die Kunstsammlung der Grafen von Hochberg. Diesen Ölgemälden mit schlesischen Ansichten wurden von Hans Heinrich VI von Hochberg-Fürstenstein auf dem Familiensitz Schloß Fürstenstein ein eigenes Zimmer gewidmet.
Nach einem schweren Schlaganfall 1824 konnte Reinhardt in seinen letzten Lebensjahren nicht mehr seiner künstlerischen Berufung nachgehen. Er starb am 30. Mai 1827 in Hirschberg.

Die Vase:
Wie die Zeptermarke unter dem Fuß beweist, wurde die Vase zwischen 1817 und 1823 in der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin gefertigt. Als Modell wurde die 1799 erstmals ausgeführte „Reden’sche Vase No. 2“ gewählt. Die präzise Darstellung von Gebäuden und Natur verdeutlicht die hohen künstlerischen und handwerklichen Fähigkeiten der Berliner Porzellanmaler speziell auf dem Gebiet der Landschafts- und Vedutenmalerei in der Zeit um 1820. Zu jener Zeit traten die Porzellankünstler in Konkurrenz zu konventionellen Malern, die in Öl arbeiteten. Auch die gravierten und getuschten Golddekore in Glanz- und Mattgold auf Vorder- und Rückseite der Vase sind typische Gestaltungsmerkmale der spätklassizistischen und aufkommenden Biedermeier-Epoche an der KPM.
Da sich die Vase laut Vorbesitzer im Besitz der Reichsgrafen von Hochberg befand, kann davon ausgegangen werden, daß sie als Auftragsarbeit des damals der Familie vorstehenden Hans Heinrich VI von Hochberg-Fürstenstein, Graf von Hochberg, Freiherr von Fürstenstein entstanden ist. Ob sich auch das der Vase zugrunde liegende Ölgemälde in der Sammlung Hans Heinrichs VI oder im Besitz des preußischen Königshaus befand, war nicht abschließend zu klären. Möglicherweise ließ sich der Graf die Vase mit der Ansicht seines Schlosses herstellen, da sich das originale Reinhardt-Bild für ihn unerreichbar im Stadtschloß Berlin befand, vielleicht entstand sie aber auch als Porzellan-Ergänzung seiner Reinhardt-Sammlung auf Schloß Fürstenstein zusätzlich zur Ölvariante.

Da das Ölbild von Reinhardt spätestens seit 1945 verschollen ist, trägt diese Vase – neben dem Stahlstich Daniel Bergers – die einzig verbliebene originalgetreue Darstellung der fürstlichen Schloßanlagen wie der Künstler sie Anfang der 1790er Jahre gesehen hat und muß daher als besonders wichtiges Zeugnis der schlesischen Kulturlandschaft im frühen 19. Jahrhundert gelten.

Literatur:
Norbert Willisch, Zum 175. Todestag des Riesengebirgsmalers Sebastian Carl Christoph Reinhardt, in: http://vskschlesien.de/es-kennt-mich-dort-keiner-mehr-und-keiner-mehr-kennt-mich-auch-hier (aufgerufen am 2. Januar 2018); auch: Ostbairische Grenzmarken – Passauer Jahrbuch für Geschichte, Kunst und Volkskunde 46/2004 (Hrsg. im Auftrag des Instituts für Ostbairische Heimatforschung der Universität Passau), 167-191.
Reinhardt, Sebastian Carl Christoph, in: Thieme/ Becker, Allgemeines Lexikon der bildenden Künste von der Antike bis zur Gegenwart, Bd. 27, Leipzig 1933.
Die Kataloge der Berliner Akademie Ausstellungen 1786-1840. Band 1, Helmut Börsch-Supan (Bearb.) (Quellen und Schriften zur bildenden Kunst. Herausgegeben von Otto Lehmann-Brockhaus und Stephan Waetzold; 4), Berlin 1971.
Sebastian Scholz, Sebastian Karl Christoph Reinhardt, in: Der Wanderer im Riesengebirge. Nr. 11, 1888, 223–225.
Günther Grundmann, Kunstwanderungen im Riesengebirge, München 1967

Detailansichten der Darstellungen von Schloß Fürstenstein und Umgebung

Ansicht der Rückseite der Vase mit arabesken Goldtuschen

Fabrikmarke ca. 1817-1823 Detail der Goldradierung am Fuß

Der obere Rand der Vase

Verschraubung von Vasenkörper und Fuß