Prunkteller der KPM Berlin „Joseph“ nach Cignani, um 1805

  • KPM Berlin
  • Porzellan
  • Carlo Cignani
  • Joseph und Potiphar / Die Keuschheit des Joseph
  • Lapislazulifond
  • Klassizismus / Empire

Beschreibung

Prunkteller der KPM Berlin mit der Darstellung des Ölgemäldes Die Keuschheit des Joseph nach Carlo Cignani im Spiegel, einer Fahne mit imitierter Lapislazuli-Malerei und zwei verzierten Goldkreise am Rand und im Anstieg

KPM Berlin um 1805; Modell Konische Form, Teller, flach Gr. 3; Modellnummer 1113; Taxnummer 1,1632; Durchmesser 24 cm

Marken Zepter in Unterglasurblau darüber Strich als Malermarke in Aufglasurblau, Joseph. in Aufglasurschwarz, Vergolder- oder Malermarke 28. (98?) in Aufglasurgold; Pressmarken 6 und III; wohl Sammlungschiffre 406/9 1. und B-C in Aufglasurrot (Lack?)

Die Darstellung im Spiegel des Tellers geht auf den Kupferstich Joseph und Potiphars Weib des berühmten Schweizer Kupferstechers Johann Jacob Frey des Älteren (1681–1752) zurück, den dieser wohl in seiner Zeit in Rom (ab 1702) fertigte (Abb. 6). Das Blatt ist mit folgendem Bibelspruch unterschrieben: Quomodo possum hoc malum facere, et peccare in Deum meum? Gen:9 C.39.9 (Wie sollte ich denn nun ein solch groß Übel tun und wider Gott sündigen?)
Dieser Stich diente dem KPM-Maler als direkte Vorlage.[1] Ihm wiederum liegt ein Ölgemälde Die Keuschheit des Joseph zugrunde, das der berühmte italienische Barockmaler Carlo Cignani (1628–1719) um 1684 in Bologna malte.

Überliefert sind mindestens vier Cignani-Bilder mit diesem Sujet, dem Werben der Frau des hohen ägyptischen Hofbeamten Potiphar um dessen Diener Joseph, den von seinen Brüdern in die Sklaverei verkauften Lieblingssohn des israelitischen Stammvaters Jakob.
Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei der dem Stich voran gegangenen Version um das mit 262 x 192 cm größte Joseph-Bild des letzten Meisters der Bologneser Schule (Abb. 7). Dieses erwarb der dänische König Christian VI. 1731 aus der Sammlung des verstorbenen Grafen Christian Danneskiold-Samsøe.[2] Seitdem ist es im Besitz des Königshauses und wird im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen ausgestellt (Inventurnummer KMSsp125). Ein zweites in Größe, Auffassung und Szenengestaltung sehr ähnliches Ölgemälde Cignanis befand sich ehemals in der Sammlung Johann Jakob Lichtmann, Wien.[3] Es wurde 1917 aus dessen Nachlass im Dorotheum versteigert,[4] und einige Zeit später dort erneut angeboten, wobei es der Begleittext ein Hauptwerk des Meisters nannte und bei einer Größe von 244 x 190 cm und einem Preis von 8000,- wie folgt beschrieb: Der keusche Josef, der mit der Geberde des Schreckens sich den Armen der schönen Potiphar zu entwinden sucht, die, fast ganz unbekleidet, ein Diadem im Haare, auf ihrem Bette aufgerichtet sitzt. Die Lehne des Bettes wird durch einen Amor mit Fackel und verbundenen Augen gebildet.[5]
Desweiteren sind ein oktonales Kniestück der Szene in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden (im 18. Jahrhundert von Lorenzo Zucchi gestochen) und weitere kleinere Wiederholungen und Kopien bekannt.

Der hier gezeigte Prunkteller der KPM Berlin ist ein Paradebeispiel für die um 1800 in Berlin in Mode gekommene vollständige Übermalung des weißen Porzellanscherbens durch Kopien älterer Ölgemälde im Spiegel und prächtige, reliefierte und/oder radierte Goldgestaltung der Ränder, der Fahne und der Anstiege. Diese in einigen KPM-Akten als Wiener Bordüre bezeichnete Art der Dekoration hatte ihren Ursprung an der Wiener Porzellanmanufaktur und gelangte durch den Austausch zwischen beiden Instituten gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Berlin. Die besten dieser so bemalten Teller, Tassen, Plateaus und Platten wurden ab 1800 regelmäßig auf den Berliner Akademie-Ausstellungen präsentiert, oftmals zusätzlich mit einer kostbare Steine imitierenden Fahne.[6]

Denselben Sammlungscode wie unserer Joseph-Teller trägt auch ein weiterer Prunkteller der KPM Berlin gleichen Modells mit einer Darstellung von Jupiter und Io nach einem Kupferstich des Ölgemäldes von Charles Monnet, der 1804 auf der Berliner Akademie-Ausstellung gezeigt wurde (Abb. 8).[7] Auch dessen Fahne war als ein Steinimitat verziert, hier in rosafarbenem Marmor. Das von Johann Heinrich Wilhelm Heiner auf Porzellan übertragene Bild erscheint im Spiegel gerahmt von mehreren, verschieden gestalteten Goldringen à la Wien.[8]
In der Abteilung der Malereiarbeiten der KPM Berlin wurde in der besagten Akademieausstellung 1804 auch eine Platte präsentiert, die wie der hier vorgestellte Teller mit der Szene von Joseph und Potiphars Frau geschmückt war, allerdings, wie der Katalog vermerkt: nach Nattier und Beauvarlet (auf Porzellan ausgeführt vom Manufakturmaler Balthasar Koller).[9]
Als Vorlage diente Koller der Stich „Le chaste Joseph“ des berühmten französischen Kupferstechers Jacques Firmin Beauvarlet (1731–1797), den dieser nach dem 1711 gemalten, 73,5 × 92 cm messenden Ölbild von Jean-Baptiste Nattier aus der Sammlung Katharina der Großen fertigte (Abb. 9).[10] Auch diese Vorlage ist im KPM-Archiv nicht mehr vorhanden.

Es ist lediglich ein weiterer Prunkteller KPM Berlin mit der Darstellung des Joseph und der Potiphar bekannt, nämlich ein Conischer Speiseteller fl. 3 mit 2 Figuren „Joseph und Potiphar“, 1814, von Fregevize gemalt aus Couleuren im zugemalten Spiegel, der Steigebord mit breit [Gold] erhabener Arabeske, auf dem ganzen Bord eine feine gravierte [Gold] Arabeske nach Bussler in Glanz [Gold], grau und [Gold] Rand. geliefert am 14. April 1814.[11]

Fußnoten:

[1] Heute ist er im KPM-Archiv nicht mehr vorhanden. Vielen Dank an Frau Eva Wollschläger für diese Auskunft!
[2] Abb. unter: https://collection.smk.dk/#/en/detail/KMSsp125, abgerufen am 27. Dezember 2020.
[3] Abb. in: Theodor von Frimmel, Einige Werke des Carlo Cignani, in: Blätter für Gemäldekunde 2 (1905/06), Zweites Herbstheft 1905, Nr. 6, 126.
[4] Abb. in: Aukt.Kat. Dorotheum Wien, Nachlass Johann Jakob Lichtmann: Werke alter und moderner Meister, Handzeichnungen, Miniaturen, Graphika, Antiquitäten (Arbeiten in Silber, Bronze, Metall, Porzellan, Ton, Medaillen, Plaketten, Münzen, Kunstmobiliar, Auktion vom 6.–8. November 1917, Nr. 7, Tafel 1.
[5] Aukt.Kat. Dorotheum Wien, Datum unbekannt, Nr. 50. Vgl. https://en.mandadb.hu/common/file-servlet/document/709145/default/doc_url/Cignani_Carlo.pdf, abgerufen am 27. Dezember 2020.
[6] Vgl. Samuel Wittwer (Hrsg.), Raffinesse & Eleganz, München 2007, S. 237.
[7] Die Kataloge der Berliner Akademie-Ausstellungen 1786–1850, Helmut Börsch-Supan (Bearb.), Berlin, S. 73, Nr. 455.
[8]Abb. in: Wittwer, S. 237, Nr. 55. Versteigert am 7. November 2011 bei Lempertz Berlin (vgl. Aukt.Kat. The Twinight Collection I, Auktion 1125, Los 45).
[9] Börsch-Supan, S. 72/73, Nr. 452.
[10] Vgl. “Joseph und Potiphars Weib”, 1711, 1. Mose 37,1–12), Öl auf Leinwand, 73,5 × 92 cm, St. Petersburg, Staatliche Ermitage.
[11] SPSG, KPM-Archiv (Land Berlin), Bublitz-Kartei, ID 5185, vergl. Ablieferung von Tafelgeschirren von der Malerei an das Verkaufslager Litt C. Herzlichen Dank an Frau Eva Wollschläger für diese Information!