Beschreibung
Modell Chinesische Vase, glatt; Große Doppelkürbisform
Modellentwurf KPM-Werkstatt
Modellbucheintrag um 1855
Modellnummer 2053
Taxnummer 5,7803 (als Lampenfuß mit Loch im Boden), 5,37 (als Vase)
Dekor wohl 25/56 (konstruktivistischer Liniendekor in Orange, Grau, Schwarz und Gold)
Dekorentwurf Ernst Böhm 1927
Höhe 66 cm
Marken Zepter in Unterglasurblau (durchbohrt); Reichsapfel über K.PM in Aufglasurrot
Die hier angebotene Bodenvase (ehemals als Lampe konzipiert) kann als das Hauptwerk im Porzellan-Œuvre des Berliner Künstlers Ernst Böhm gelten. Unter deren Direktor Nicola Moufang arbeitete Böhm in seiner Funktion als Dekan der Abteilung Angewandte Kunst an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst eng mit der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) zusammen. Er entwarf zahlreiche Formmodelle und Malereidekore, denen ein elegant-verspielter Berliner Art Déco (Berlin Deko) gemein ist. Als Höhepunkt dieser Kooperation gestaltete der Künstler 1927–29 etwa 600 Wandfliesen für den Kassenraum der modern umgebauten Verkaufsräume der Manufaktur in der Leipziger Straße.[1]
Der vorliegende Dekor von Prof. Böhm für eine große Bodenlampe erinnert in seiner geometrischen Strenge an die abstrakten Bildkompositionen eines Piet Mondrian, die dieser ab 1917 in Öl schuf und in der von ihm gemeinsam mit Theo van Doesburg geleiteten Zeitschrift De Stijl publizierte. Böhms Entwurf wirkt jedoch durch den Einsatz der reichen Vergoldung im Zusammenspiel mit dem von ihm oft verwendeten Orangerot weniger streng als die schwarz gekastelten Mondrian-Bilder. Eine vornehme Eleganz bricht hier die statische Abstraktion; die für Böhm typische Verspieltheit des Dekors zeigt sich selbst in dieser strikt geometrischen Anordnung.
Wie auch bei anderen Entwürfen Ernst Böhms für die KPM, griff er für die Form dieses Lampenfußes auf ein älteres Modell der Manufaktur zurück, das bereits im 19. Jahrhundert als Vase verwendet worden war.[2] Die Nutzung als Lampe war Böhms originäre Idee. Sie wurde erstmals 1927 auf der Internationalen Ausstellung der Dekorativen Künste in Monza präsentiert, wo die Berliner Manufaktur mit vielen Werken von Lehrern (und Schülern) der Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst vertreten war. Ernst Böhm selbst zeigte neben weiteren Porzellanarbeiten auch textile Erzeugnisse.[3] Die künstlerische Gesamtleitung der deutschen Abteilung dieser wichtigen Ausstellung war vom Auswärtigen Amt Bruno Paul, dem Direktor der Staatsschulen, übertragen worden. Er ließ Böhms Lampe mit eigenen Möbeln und Majolikafiguren von Josef Wackerle im hellen Damenzimmer aufstellen.[4] Dieses Damenzimmer wurde erneut auf der Wohnungskunst-Ausstellung Deutsche Kunst 1928 in Düsseldorf präsentiert. Auf derselben Ausstellung schmückte ein weiteres Exemplar der Lampe auch das wiederum von Bruno Paul konzipierte Arbeitszimmer mit Kamin, das außerdem eine großformatige Wandschnitzerei von Ernst Barlach beinhaltete.[5] Im selben Jahr wurde der Lampenfuß auch in der Ausstellung Europäisches Kunstgewerbe im Leipziger Grassi-Museum präsentiert.
Auf der großen Leistungsschau der Deutschen Porzellan-Industrie 1928 im Paulinenschlösschen in Wiesbaden bildete die Lampe den Mittelpunkt eines Ensembles moderner Kunstporzellane auf dem Stand der Berliner Manufaktur.[6]
Anläßlich eines Besuchs auf dem Stand der StPM während der Frühjahrsmesse in Leipzig 1929 bemerkte der Rezensent des Fachblatts Sprechsaal zu Böhms Porzellanentwürfen:
In der »Modernen« Abteilung dürfen die Neuschöpfungen von Prof. Ernst Böhm besonderes Interesse beanspruchen. […] vor allem seine Lampen beweisen in ihren lebhaften farbigen Dekorationen und geschickten Flächengliederungen einen eigenwilligen Geschmack und ein ausgesprochenes Talent, Anregungen etwa aus der alten chinesischen Keramik […] in durchaus persönlicher und moderner Weise umzuarbeiten.[7]
Ein großer Bewunderer der Porzellanarbeiten Ernst Böhms war die Modeikone Karl Lagerfeld, in dessen Besitz sich auch ein Exemplar des hier vorgestellten Lampenfuß‘ befand, den dieser aus dem ehemaligen Besitz von Gronert Kunsthandel übernommen hatte.[8]
[1] Zu Leben und Werk Ernst Böhms vgl. ausführlich: Tim D. Gronert, Porzellan der KPM Berlin 1918–1968, Band 1, 186–219 und Band 3, 33–41.
[2] Vgl. Marianne Ouvrier-Böttcher, Die Arbeiten der Königlichen Porzellanmanufaktur zwischen 1835 und 1890, Berlin (Diss.) 1984, Band 2 Formenkatalog, Kat. Nr. 104.
[3] Vgl. Ausst.Kat. Deutsches Kunsthandwerk 1927 – Mostra internationale (sic!) delle arti decorative di Monza Sezione Germanica, Berlin, 1927, 1, 26, 36f. Abb. in: Deutsche Kunst und Dekoration 61 (1927), 210, 212.
[4] Siehe Abbildungen in: Alfred Ziffer (Hrsg.), Bruno Paul – Deutsche Raumkunst und Architektur zwischen Jugendstil und Moderne, München 1992, S. 244/45, Abb. 520 und Deutsche Kunst und Dekoration, Band 61 (1927/28), S. 225ff. (drei Abb.).
[5] Abb. in: Deutsche Kunst und Dekoration, 63 (1928/29), 80.
[6] Abb. in: Porzellan – Bestandskatalog Bd. V.I des Bröhan-Museums, Berlin 1993, S. 226 und Nr. 226.
[7] Sprechsaal 62 (1929), 145 (mit Abb. der hier gezeigten Lampe).
[8] Vgl. Aukt.Kat. Sotheby‘s Köln, KARL, Karl Lagerfeld’s Estate III, Day Sale, 5. Mai 2022, Los 107.













