Beschreibung
Edwin Scharff, Porzellanplastik Idyll, KPM Berlin 1927
Modell Figurengruppe Idyll
Modellentwurf Edwin Scharff
Modellbucheintrag Januar 1927
Modellnummer 12889
Taxnummer 5,7592
Höhe 36 cm Breite 57,5 cm Tiefe 28 cm
Marken Zepter in Unterglasurblau
Der berühmte Bildhauer Edwin Scharff lieferte der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Berlin 1926/27 insgesamt drei Figurenentwürfe für Porzellanplastiken, die als eigenständige, materialgerechte Kunstwerke zu bewerten sind.
Beim ersten, im Januar 1926 erstmals ausgeformten Modell handelt es sich um ein „Bäumendes Pferd“, bei dem
Scharff eben jenen Moment einfängt, bevor sich beide Vorderläufe vom Boden abheben. Bei seiner Darstellung
hielt sich der Künstler eng an sein wohl gleichzeitig in der zweiten Jahreshälfte 1925 entstandenes bronzenes Denkmal der Pferde, das er jedoch im Gegensatz zu dem durchgearbeiteten Porzellanmodell torsiert gestaltete.
Die beiden folgenden Objekte, die im Jahr darauf veröffentlicht wurden, hatten in ihrer Art der Porzellangestaltung
keine entsprechende Vorlage im sonstigen plastischen Werk des Künstlers, sei es in Bronze oder Stein.
Der „Elefant“ zeigt – im Gegensatz zu dem glatten, fast stilisierten Pferdekörper – die für Teile von Scharffs OEuvre
typische, leicht unruhige Oberflächengestaltung, die im Medium Porzellan und der ihm eigenen Licht- und Schattenwirkung besonders gut zum Tragen kommt. Dem majestätischen Pferd aus dem Vorjahr stellte Scharff nun eine Darstellung des eher gemütlichen Dickhäuters gegenüber, dessen vom Künstler porträtierte asiatische Art sich der Mensch als Lasten- und Nutztier zum Untertan gemacht hat, dessen plastisch eingefangene, natürlich-urwüchsige Muskelkraft in der angedeuteten Bewegung des Tieres am Ende jedoch unkontrollierbar bleibt.
Scharffs einzige Doppelfigur, das hier präsentierte „Idyll“ in Porzellan ist stilistisch eine Mischform der beiden ihr vorangegangenen Arbeiten. Während der Bildhauer die menschlichen Körper mit Ausnahme der Haare glatt arbeitete, gestaltete er den Natursockel wild und oberflächlich aufgewühlt. Zur kunstwissenschaftlichen Analyse der Idyll-Plastik bemerkte der bekannte Kunsthistoriker Hartmut Krohm treffend: In der bipolar angelegten Gruppe geht es Scharff um grundsätzliche Aussagen zur menschlichen Existenz über eine verallgemeinernde sinnbildliche Gestalt. Mit der Frage nach den Grundlagen des Lebens hatte sich der Bildhauer und Maler zeitlebens auseinandergesetzt und sich dabei auf nur wenige, für ihn zentrale Themen beschränkt, wobei deren Wiederkehr einer Stilentwicklung, wie bei anderen Künstlern gewohnt, entgegenstand. Mann und Frau verkörpern für Scharff zwei gegensätzliche Prinzipien der Natur. Wie in anderen Arbeiten wurde, jeweils isoliert, das des Weiblichen in den fließenden, gelösten Formen des liegenden Akts, das des Männlichen im Bild des sitzenden oder stehenden Athleten erfasst. Im »Idyll« ist ähnlich wie in weiteren Darstellungen zur Thematik des Liebespaars das unterschiedliche Wesen der Geschlechter in ein auf Ausgleich gerichtetes Spannungsverhältnis zueinander gesetzt. Ausgelöst durch den Klang der Musik, die Scharff über alles liebte, entsteht das Idyll, vielleicht nur als Ort vorübergehender Glückseligkeit, ein Arkadien, auf das alles menschliche Streben ausgerichtet ist.
Eine äußerst passende Beobachtung eines Zeitgenossen zu Scharffs KPM-Porzellanen sei hier wiedergegeben:
Daß die Berliner Porzellan-Manufaktur von neueren Plastiken vornehmlich Edwin Scharff heranzieht, beweist guten Instinkt. Die Eigenart dieses Künstlers, die in sensibler Oberflächenbelebung bei ruhiger Gesamtform liegt, verlangt förmlich nach dem entsprechenden Material des Porzellans. In der Blütezeit des Porzellans suchte man dessen spezifische Reize – den spiegelnden Glanz, die edle Härte, die fast durchscheinende Grade der Dünne zuläßt – durch Auflösung der Form in zahllose raffinierte Details zu entfalten. Da blitzte das Licht auf messerfeinen Graten, da ließen milchblaue Schatten die Zartheit des Schmelzes ahnen, und winzige Blüten, Blättchen, Löckchen zeigten die papierdünnen Grenzen der weißen Erde. Edwin Scharff beweist […], daß alle diese delikaten Reize des Porzellans auch bei monumental zusammengefaßtem Gesamtumriß zur Geltung kommen, wenn nur die Modellierung der Oberfläche Nerv hat.
Für die 1927/28 komplett umgestalteten Verkaufsräume der KPM in der Leipziger Straße 2 schuf Edwin Scharff ein dreifiguriges, im Oktober 1927 in Porzellan ausgeführtes Relief in den Maßen 90 × 133,5 cm (Modellnummer 13205,
Taxnummer 5,7759), das im selben Jahr als Frauen am Meer bei Hermann Noack in Berlin auch in Bronze gegossen wurde. Außerdem entwarf er eine große Porträtbüste von Reichspräsident Hindenburg und das entsprechende Relief (13111/13112, beide Juli 1927).
Edwin Scharff war Mitte der 1920er Jahre einer der geachtetsten Bildhauer Deutschlands und lehrte als Professor für Dekorative Plastik an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst in Berlin. Im ab Ende 1925 umgesetzten Porzellanplastik-Programm des neuen Direktors Moufang (vgl. auch Georg Kolbes „Törichter Engel“) spielte Scharff eine zentrale Rolle, beide Männer kannten sich bereits durch Porträtbildnisse, die der Künstler 1922 von Moufangs Eltern geschaffen hatte.
Vgl.:
Tim D. Gronert, Porzellan der KPM Berlin 1918–1988, Band 1, 166–169.











